17 March 2026, 00:56

Milo Raus Scheinprozess gegen die AfD polarisiert beim Thalia Theater

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung eines überfüllten Gerichtssaals mit stehenden und sitzenden Menschen, beschriftet mit «Der Prozess gegen die britische Armee in London, England».

Regisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Milo Raus Scheinprozess gegen die AfD polarisiert beim Thalia Theater

Die diesjährigen Hamburger Lessing-Tage enden mit einer mutigen und umstrittenen Veranstaltung: Der Schweizer Regisseur Milo Rau inszeniert am Thalia Theater ein dreitägiges Scheinverfahren unter dem Titel Der Prozess gegen Deutschland. Im Mittelpunkt der Verhandlung steht die Frage, ob die rechtspopulistische AfD verboten werden sollte – eine Mischung aus Theater und realer politischer Debatte.

Das 2010 vom ehemaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux gegründete Festival wird in diesem Jahr von Matthias Lilienthal kuratiert, der derzeit die Berliner Volksbühne leitet. Er wählte Raus Projekt als Höhepunkt aus. Anders als im klassischen Theater treten hier keine Schauspieler auf, sondern Juristen und Rechtsexperten – unter der Leitung der früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin.

Raus Ansatz knüpft an seine früheren Arbeiten an, die dokumentarische Nachstellungen mit politischer Kritik verbinden. In Projekten wie Das Kongo-Tribunal (2015) untersuchte er koloniale Ausbeutung in Form eines Scheinprozesses, während Breiviks Erklärung (2014) die Anschläge von Norwegen 2011 nachstellte. Auch seine feministische Opernadaption 5 Medeas (2016) und die Inszenierung zur Flüchtlingskrise Ontaankomst (2014) setzten auf partizipative Formate. Der Prozess gegen Deutschland ist seine erste große Produktion im Land.

Die Veranstaltung erstreckt sich über drei Tage und wird live auf der Website des Thalia Theaters übertragen. Das Publikum kann mitverfolgen, wie Juristen Argumente für und gegen ein AfD-Verbot abwägen – das Theater wird so zur öffentlichen Bühne für rechtliche und ethische Diskussionen.

Das Scheinverfahren verbindet Recht, Politik und Performance in einem ungewöhnlichen Format. Durch die Online-Übertragung öffnet das Thalia Theater die Debatte für ein breiteres Publikum. Zwar hat das Ergebnis symbolischen Charakter, doch könnte es weitere Gespräche über Demokratie und Extremismus in Deutschland anstoßen.

AKTUALISIERUNG

Jury fordert verfassungsrechtliche Überprüfung der AfD

Die siebenköpfige Jury des Schauprozesses hat am 15. Februar 2026 ein gespaltenes Urteil gefällt. Die wichtigsten Erkenntnisse waren:

  • 5-2 Stimmen, dass die AfD die Menschenwürde verletzt.
  • 5-2 Empfehlung für verfassungsrechtliche Körperschaften, eine Verbotsprüfung durchzuführen.
  • 4-3 Entscheidung, die AfD von der staatlichen Finanzierung auszuschließen. Das Urteil unterstützte keine direkte Verbotsforderung (2-3 mit Enthaltungen), doch die symbolische Entscheidung hat die Debatte über die demokratische Legitimität der Partei verschärft.