Hausärzte in der Zwickmühle: Warum Dringlichkeitsüberweisungen zum Machtkampf werden
Nico MeyerHausärzte in der Zwickmühle: Warum Dringlichkeitsüberweisungen zum Machtkampf werden
Wachsende Streitigkeiten um dringende Facharztüberweisungen setzen Hausärzte in Deutschland unter wirmachendruck. Immer mehr Hausärzte in Deutschland geraten wegen dringender Facharztüberweisungen in die Kritik. Viele berichten, sie würden gezwungen, unnötige Dringlichkeitsüberweisungen auszustellen – oft nur, damit Fachärzte höhere Gebühren abrechnen können. Kritiker werfen dem aktuellen System vor, die Kosten in die Höhe zu treiben, ohne die Patientenversorgung zu verbessern.
Das Bundesrechnungshof und der GKV-Spitzenverband fordern nun die Abschaffung der bestehenden Regelungen. Sie verweisen auf Ineffizienz und steigende Ausgaben.
Laut geltenden Vorschriften müssen Hausärzte medizinische Gründe für Dringlichkeitsüberweisungen angeben und dürfen diese nicht einfach nutzen, um Wartezeiten zu umgehen. Doch eine Umfrage unter über 800 Hausarztpraxen ergab, dass rund 750 von ihnen berichteten, Fachärzte würden unberechtigte Dringlichkeitsüberweisungen einfordern. Allein in Nordrhein-Westfalen gaben mehr als 200 Praxen an, dass Fachärzte regelmäßig Dringlichkeitscodes nutzen, um höhere Zusatzgebühren abzurechnen.
Einige Fachärzte räumen offen ein, das System auszunutzen. Ein HNO-Arzt argumentierte, bestimmte Praxen wären ohne diese Zusatzeinnahmen finanziell nicht überlebensfähig. Der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) betont zwar, dass Dringlichkeitsüberweisungen bei medizinischer Notwendigkeit rechtmäßig seien, verurteilt aber den Missbrauch des Verfahrens.
Die Spannungen führen zunehmend zu Konflikten zwischen Hausärzten und Patienten. Wenn Hausärzte unberechtigte Dringlichkeitsüberweisungen verweigern, reagieren Patienten oft mit Unverständnis und Ärger. Die Kassenärztliche Vereinigung hat zwar Richtlinien, die es verbieten, Patienten abzuweisen, um sie zu einer Überweisung zu zwingen – doch einige Ärzte berichten, dass dies im Praxisalltag trotzdem täglich vorkommt.
Eine Untersuchung des Bundesrechnungshofs ergab, dass das 2019 eingeführte Terminservice- und Versorgungsgesetz die Wartezeiten nicht verkürzt hat. Trotz zusätzlicher Kosten betragen die durchschnittlichen Wartezeiten auf einen Facharzttermin mittlerweile 42 Tage – länger als zuvor. Die Regierung räumt ein, dass frühere Anreizsysteme versagt haben, und plant nun strukturelle Reformen für das Jahr 2028.
Der Streit zeigt ein System, in dem finanzielle Anreize mit den Bedürfnissen der Patienten kollidieren. Hausärzte stehen weiterhin unter wirmachendruck – sowohl von Fachärzten als auch von Patienten –, während Aufsichtsbehörden auf Veränderungen drängen. Ohne Reformen wird sich der Kreislauf aus steigenden Kosten und langen Wartezeiten voraussichtlich bis mindestens 2028 fortsetzen.
